Die geplante Geburt

Die technischen Möglichkeiten der modernen Medizin werfen ethische Fragen auf, die uns überfordern. Während wir längst zum Handeln gezwungen sind, merken wir, dass wir mit unserem Urteil nicht mehr klarkommen. Ein Artikel über Geburt, Tod und Selbstbestimmung.

Geburt und Tod, die Grenzereignisse unseres Lebens, haben die Menschen seit jeher beschäftigt. Doch durch die kategorische Forderung unserer Zeit nach Selbstbestimmung hat die Auseinandersetzung mit Geburt und Tod eine neue, möglicherweise noch nie da gewesene Dimension angenommen.

Willkommen auf Erden – ein grosses Geschenk

Ein Drittel Kaiserschnittgeburten

Während Lebensverlängerung und Sterbehilfe seit Jahrzehnten als ernste und schwierige Themen empfunden werden und auch zunehmend die Frage nach einem Leben nach dem Tode aufleuchtet, wird die «selbstbestimmte» Festlegung von Schwangerschaft und Geburt viel weniger thematisiert, geschweige denn die Frage einer Vorgeburtlichkeit. Wir übersehen dabei, dass in der Schweiz der Geburtstermin durch Geburtenregelung und Kaiserschnitt bereits in einer Mehrheit der Fälle von aussen bestimmt wird. Der Anteil der Kaiserschnittgeburten liegt in der Schweiz bei 33 Prozent. Er übertrifft damit die von der WHO empfohlene Obergrenze um mehr als das Doppelte. Studien aus Deutschland zeigen, dass die Schnittentbindung nur zu etwa 10  Prozent medizinisch indiziert erfolgt.

Wo sind die Grenzen? Die Medien berichten enthusiastisch über neue medizintechnische Errungenschaften: erfolgreiche Schwangerschaften durch Gebärmutter-Transplantation, Präimplantationsdiagnostik, pränatale Labortests durch einfache Blutentnahme bei der Schwangeren zur Früherfassung von Mongoloiden. Gleichzeitig wächst der Druck seitens der Ökonomie. So erhalten in Deutschland die Geburtsabteilungen mehr Geld für die Behandlung von Frühgeborenen unter 1500 Gramm, müssen aber «Mindestmengen» ausweisen. Und plötzlich weist Deutschland mehr Frühgeborene unter 1500 Gramm auf. Wir sind weitgehend an solche Schlagzeilen gewöhnt, aber verstehen wir wirklich, worum es geht? Wie gelangen wir zu einem – auch nur für uns selbst – sicheren Urteil?

Vorgeburtserlebnisse

Während es mittlerweile eine ganze Flut von wissenschaftlichen Publikationen zu Nahtoderlebnissen gibt, sind veröffentlichte Berichte zur Geburt noch spärlich. 2014 haben zwei Psychologinnen der Universität Boston bei Schulkindern durch ausgeklügelte, aber durchgehend validierte Fragen herausgefunden, dass Kinder noch eine Empfindung dafür haben, dass sie vor der Geburt schon da gewesen sind. Den meisten befragten Kindern war klar, dass sie vor ihrer Zeugung biologisch noch nicht existierten, aber dass sie bereits Gefühle und Wünsche hatten, wie zum Beispiel, dass die Mutter wirklich schwanger würde, dass sie ihre Mutter kennenlernen würden. Die aufwändigen Untersuchungen wurden bewusst in zwei komplett verschiedenen kulturellen Settings in Ecuador durchgeführt; die Forschungsergebnisse waren bei beiden Kulturen auffallend ähnlich. In der Zusammenfassung schreiben die Autorinnen: «Die Resultate entsprechen der Nahtodforschung und legen nahe, dass es eine nicht-angelernte kognitive Tendenz gibt, Emotionen und Wünsche als ewigen Kern der Persönlichkeit zu sehen.» Ist es nicht bemerkenswert, dass die moderne Psychologie aufgrund strenger wissenschaftlicher Forschung heute einen «ewigen Persönlichkeitskern» des Menschen nachweisen kann?

Ethische Fragen auf dem Prüfstand

Unsere westliche Zivilisation basiert auf der unantastbaren Würde des einzelnen Menschen, verbrieft etwa in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948), der Europäischen Menschenrechtskonvention (1950, Beitritt der Schweiz 1974) oder im Schweizerischen Zivilgesetzbuch (1907). Dennoch gab – und gibt – es das Nützlichkeits-Denken: Unter welchen Bedingungen ist der Einzelne «nützlich» für die ganze Gesellschaft? Solche Erwägungen kommen oft in scheinbar strenge Wissenschaft gekleidet daher, haben aber in der Vergangenheit zu den schrecklichsten Verirrungen geführt – sie werden uns in nächster Zeit erneut herausfordern. Die Medizin eröffnet immer grandiosere technische Möglichkeiten, während gleichzeitig eine Verknappung der Ressourcen stattfindet. Die Befürchtung, dass die (technische) Möglichkeit zur (Selbst-)Bestimmung von Geburt und Tod dazu führt, dass gesellschaftlicher Druck ausgeübt wird, ist weit verbreitet. Die Eltern mongoloider Kinder bekommen zu spüren: «Eigentlich hättet ihr das verhindern können.»

Der Mensch, Bürger zweier Welten

Wie können wir uns bei all den Fragen zu Geburt und Tod ein Urteil bilden? Sollten wir das nicht besser den Fachärzten und Ethikern überlassen? Nein! Viele unserer Ethikansätze basieren auf einem einseitig materialistisch geprägten Denken, das dem Leben nicht gerecht wird. Geburt und Tod als die Grenzereignisse unseres Lebens werfen die Frage auf, was denn jenseits dieser Grenzen liegt. Wenn sich Geburt und Tod auch als physische Ereignisse abspielen, so zeigen sie, dass der Mensch Bürger zweier Welten ist. Und wenn wir heute so sehr auf unsere Autonomie pochen, so stellt sich doch die Frage, wer oder was denn dieses autonome Selbst ist.

Sobald wir ein Leben vor der Geburtund nach dem Tod – auch nur der Möglichkeit nach – in Betracht ziehen, müsste uns eigentlich eine heilige Scheu befallen, beide, Geburt und Tod, rein aus der Sichtweise des uns vertrauten Irdischen zu bestimmen. Das spüren viele Menschen –und handeln auch danach. So ist es bemerkenswert, dass sich in der Schweiz trotz aller Pränataldiagnostik die Zahl der lebend geborenen mongoloiden Kinder in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat! Was wollen sie uns sagen?


Hans-Ulrich Albonico 
Dr. med.

Giovanni Maio: Medizin ohne Mass? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit, TRIAS, 2014.
Rudolf Steiner: Richtkräfte im Chaos. Wie kann die seelische Not der Gegenwart überwunden werden? Rudolf Steiner Verlag, 2004.
Peter Selg: Ungeborenheit. Die Präexistenz des Menschen und der Weg zur Geburt. Verlag des Ita Wegman Instituts, 2013.

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Begriffserklärung & Rechtslage
Die «geplante Geburt» basiert ebenso auf Massnahmen zu ihrer Verhinderung oder Verschiebung wie auch zu ihrer Förderung.

Geburt-verhindernd
Die Schwanger-schaftsverhütung ist längst eine nicht mehr wegzudenkende Voraussetzung unserer westlichen Zivilisation. Die Entdeckung der fruchtbaren Tage der Frau (1930), die Erfindung der Pille (1960) und später der Spirale und ihre Kommerzialisierung ermöglichen es den Frauen, ihre Fruchtbarkeit selber zu kontrollieren.

Auch die Abtreibung ist durch ihre Legalisierung in den 1970er-Jahren zu einem zivilisatorischen Meilenstein geworden. Mit 72,2 Prozent Ja-Stimmen wurde in der Schweiz 2002 nach 30-jähriger politischer Auseinandersetzung durch Revision des Strafgesetzbuches die Fristenregelung angenommen: In denersten zwölf Wochen liegt der Entscheid bei der Schwangeren, ab der 13. Woche ist ein Abbruch noch zulässig, wenn die Gefahr einer schwerwiegenden körperlichen oder seelischen Notlage besteht (Art. 118–120 des Strafgesetzbuches).

Amniozentese
(Fruchtwasseruntersuchung): durch Punktion der Fruchtblase einer schwangeren Frau zur Untersuchung der fetalen Zellen, speziell auf Chromosomen-anomalien und Erbkrankheiten (Trisomie 21) sowie Stoffwechselkrankheiten. Rechtlich zugelassen.

Pränatal-Tests NIPT
«Nicht-in-vasiver Pränatal-Test»: Labortest, bei welchem die DNA des Fötus durch eine einfache Blutentnahme bei der Mutter nachgewiesen werden kann. Dient zur frühen Erfassung von Chromosomen-Störungen, insbesondere von Trisomie 21 bei mongoloiden Föten. Rechtlich zugelassen.

Präimplantations-diagnostik PID:
Zellbiologische oder molekulargenetische Untersuchungen zum Entscheid, ob ein durch IVF erzeugter Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt werden soll oder nicht (siehe unten).

Schwangerschafts-fördernd
Leihmutter-Schwangerschaft: Eine Leihmutter ist eine Frau, die für die Dauer einer Schwangerschaft ihre Gebärmutter «ausleiht», um an Stelle einer anderen Frau ein Kind zur Welt zu bringen. In der Schweiz im Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG) anfangs 2015 noch verboten.

In-vitro-Fertilisation IVF:
Befruchtung im Glas: Methode zur künstlichen Befruchtung. Die Eizellen werden mit dem aufbereiteten Sperma in einem Reagenzglas zusammengebracht. Es findet – eventuell – eine spontane Befruchtung statt. Die Embryonen werden im Brut-schrank kultiviert, einer «Qualitätskontrolle» unterzogen und dann mittels Embryonen-Transfer in die Gebärmutter gebracht. Rechtlich in der Schweiz zugelassen.

Präimplantations-diagnostik PID:
Zellbiologische und molekulargenetische Untersuchungen zum Entscheid, ob ein durch IVF erzeugter Embryo zum Transfer freigegeben werden soll. In der Schweiz durch das Fortpflanzungs-medizingesetz vom 18.12.1998 verboten, durch die Abstimmung im Juni 2015 jedoch mit grossem Mehr angenommen. Bemerkenswert: die Regelung der Fortpflanzungsmedizin steht in der Bundesverfassung im gleichen Artikel 119 wie die Gentechnologie.