Die Mistel, Kostbarkeit im Pflanzenreich

Misteln sind einzigartige Pflanzen. In den winterkahlen Baumkronen leben sie als wunderschöne runde Gebilde, auf dem Weihnachtsmarkt sind sie mit knorrigen Zweigen, dunkelgrünen Blättern und leuchtend weissen Beeren präsent.

Viele erinnern sich an den Zaubertrank von Miraculix, wenn sie von der Mistel hören. Ausgerüstet mit einer goldenen Sichel steigt der weise Druide in die Eichen und erntet die seltene Eichenmistel. Sie verleiht Asterix und Obelix die Kraft, mit der die beiden Freunde die Integrität und Freiheit ihres kleinen gallischen Dorfes immer wieder erfolgreich gegen die römische Besatzungsmacht verteidigen.

So humorvoll und leicht die moderne Mythe vorgetragen wird, gründet sie doch auch auf natur- und medizin-historischen Tatsachen. Bereits seit drei Jahrtausenden ist die Mistel als wichtige Heilpflanze bekannt. 

Heilsame Ordnungskraft

Die Mistel ist aber auch die erste Heilpflanze, die spezifisch gegen Krebs eingesetzt wurde. In der komplementär-medizinischen Onkologie haben Mistelpräparate das vor hundert Jahren entdeckte Potenzial inzwischen unter Beweis gestellt. Die spezifische Heilkraft hängt auch mit den besonderen Form- und Gestaltungskräften der Mistel zusammen, von denen nicht zuletzt die sphärische Gestalt der immergrünen Büsche und der perlweissen Früchte zeugen. Während Tumore räumlich und zeitlich unkontrolliert wachsen und die Grenzen des gesunden Organismus missachten, zeichnet sich das Mistelwachstum durch eine räumlich wie zeitlich ausgesprochen starke Ordnungskraft aus: Jeder Mistelzweig ist auf das Wesentliche reduziert – einen Stängel mit zwei einfach gebauten Blättern, dazwischen der ebenso einfache Blütenstand, aus dem nach sieben bis neun Monaten die typischen Früchte reifen. Blühen und Fruchten sind allerdings stark verzögert, beides vollzieht sich erst im zweiten Wachstumsjahr. 

Im eigenen Rhythmus

Die Mistel entwickelt sich nicht nur sehr langsam, sondern folgt dabei auch streng dem Rhythmus der Jahreszeiten. Allerdings auf ihre ganz eigene Art und Weise. Sie erblüht bereits im Winter, lange bevor die Bäume ihre Blüten- und Blätterpracht entfalten; Pollen und Nektar der männlichen und weiblichen Mistelbüsche sind dann eine willkommene Nahrung für die bunte Vielfalt winteraktiver Insekten und sogar für die Bienen. Im Hochsommer ändern alle Mistelorgane dagegen ihre Wachstumsrichtung: Anstatt sich mit einer Fülle von Blättern weiter dem Licht hinzugeben, streben sie in der Blüten- und Samenbildung nun zur Verinnerlichung.

Integrität und Autonomie

Die sommerliche Tendenz, sich von den pflanzenwirksamen Umgebungskräften zu befreien und die Organe zu verinnerlichen, steigert sich im Winter. Die Mistel emanzipiert sich sogar weitgehend von ihrem Mutterbaum: Während sich dessen Leben in die Wurzeln und den Schutz der Erde zurückzieht, ruht der durch und durch grüne Mistelbusch hoch oben in der kahlen Krone in sich und trotzt der Kälte wie auch der Dunkelheit.

Stets von Licht genährt, zeigt die immergrüne Mistel eine Tendenz, die sonst nur dem Menschen zukommt: sich von Naturkräften wie auch der Bindung an andere Wesen zu lösen, um für sich allein in der Welt zu bestehen. Nicht zuletzt hierin gründet die Intention der Misteltherapie, neben der körperlichen und seelischen Kräftigung des Menschen stets auch seine Integrität und Autonomie zu stärken. 

Seltene Kostbarkeit

Der römische Naturhistoriker Plinius der Ältere (24–79 n. Chr.) hat in seiner «Naturgeschichte» belegt, dass die von den Druiden als «alles Heilende» verehrte Eichenmistel schon zur Zeit der Gallier nur schwer zu finden war. Auch der Botaniker Karl von Tubeuf konnte 1923 für ganz Europa nur etwa 50 Eichenmistel-Standorte dokumentieren, wovon die allermeisten in Frankreich lagen. Immerhin bildeten diese begrenzten natürlichen Vorkommen die Grundlage für die ersten, ab 1927 in der Krebstherapie eingesetzten Eichenmistelpräparate. Mitarbeiter des in Arlesheim (BL) ansässigen Vereins für Krebsforschung haben dann ab 1949 ausgedehnte Suchreisen durch Frankreich unternommen, und heute weiss man von nahezu zehn Mal mehr Stiel- und Traubeneichen, auf denen die weissbeerige Mistel wächst. Um diese Naturbestände zu ergänzen, begann der Verein bald darauf ein anspruchsvolles Projekt und kultiviert seit nunmehr vier Jahrzehnten auf mehreren Hektar Land einige hundert misteltragende Eichen. In der Eichenmistel-Kultivierung für den therapeutischen Bedarf muss man nicht nur Jahrzehnte im Voraus planen, sondern zusätzlich auf allerlei Widrigkeiten gefasst sein. So mussten die Mistelforscher lernen, dass auch bestimmte Bodeneigenschaften für das Gedeihen der Mistel auf Eichen von Bedeutung sind. Und sie mussten die Förster überzeugen, dass benachbarte Mistelplantagen die Buchen wie auch gewöhnliche einheimische Eichen nicht gefährden, denn beide sind resistent gegenüber der Mistel. 

Gutes Gedeihen. Auch die Bodenbeschaffenheit hat Einfluss auf das Mistelwachstum. © Jürg Buess, alle drei Bilder
Die weissbeerige Mistel. Sie wächst auch auf Stiel- und Traubeneichen.
Mistelernte. Kultivierte Eichen ergänzen die Naturbestände.

Ulmenwelke und Klimaschwankungen gefährden die Mistel

Prekär ist die Lage der Ulmenmistel, die erfahrene Ärzte unter anderem zur Behandlung von Lungenkrebs einsetzen. Die in ganz Europa grassierende Ulmenwelke-Krankheit hat inzwischen fast alle erntefähigen natürlichen Ulmenmistelbestände vernichtet. Einzig aus kultivierten Beständen lassen sich noch Ulmenmisteln für die komplementäre Krebs-therapie ernten.

Klimaschwankungen und eingeschleppte Krankheiten können auch für andere Mistelwirtsbäume gefährlich werden. Akute Beispiele sind das Eschensterben und neuartige Blattkrankheiten, wie die sich in der Schweiz ausbreitende Pilzkrankheit Marssonina, die mittelfristig sogar die Mistelernte auf Apfelbäumen zu einem Problem machen kann.

Kritisch betrachtet werden mitunter lokale Massenvorkommen von Misteln. Sie finden sich meist auf Bäumen mit geringer Resistenz gegenüber der Mistel, worunter vor allem Pappel und Robinie, aber auch Linde und Ahorn fallen. Auch auf Obstwiesen mit Hochstamm-Apfelbäumen, die nicht mehr regelmässig gepflegt werden, können sich Misteln schnell ausbreiten.

Allerdings kann sich die Mistel nicht selbst ausbreiten, sondern ist dafür auf Vögel angewiesen. Misteldrossel, Mönchsgrasmücke und Seidenschwanz schätzen die Schleimzucker in den Mistelbeeren als Winternahrung und sorgen damit für die natürliche Mistelverbreitung.

Der Mutterbaum prägt die Mistel

Alle Versuche, die Mistel auf künstlichen Medien anzuziehen oder gar zu klonen, sind bislang gescheitert. Leben und Wachstum der Mistel sind auf eine ständige Verbindung mit der lebendigen Unterlage des Mutterbaumes angewiesen. Ähnlich wie ein Kind von seiner Mutter, in deren Leib es sich entwickelt, abhängig ist und geprägt wird, ist die Mistel auf das Wasser sowie die Nährstoffe und Lebenskräfte des Baumes angewiesen. Misteln saugen nicht und können auch nicht auswählen, sondern müssen nehmen, was der Baum aus seinen Leitbahnen in sie einströmen lässt. Die Nahrungssäfte des Baumes prägen die Mistel so durchgreifend, dass die Inhaltsstoffmuster von Apfelbaum-, Eichen- oder Kiefernmistel grundlegende Unterschiede aufweisen. Diese Verschiedenheit greift die anthroposophische Misteltherapie mit einer breiten Palette an Mistelpräparaten auf, um die Behandlung gezielt auf die je nach Mensch und dessen Konstitution unterschiedlichen Aspekte der Krebserkrankung abzustimmen.

Dr. rer. nat. Hartmut Ramm

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