Bienen und Blüten

Warum fühlen sich so viele Menschen vom Bienensterben betroffen? Ist es nur, weil wir keinen Honig mehr haben und unsere Obst- und Gemüsepflanzen nicht mehr bestäubt werden? Mitnichten. Bienen füllen Landschaften mit Vielfalt und Leben.

Die Bestäubung durch Insekten ist wesentlich und für viele Kulturpflanzen sogar notwendig. Aber wenn man unter diesem Nützlichkeitsprinzip die Biene zu einer Bestäubungsmaschine reduziert, ist der Gedanke naheliegend, sie durch andere Tiere oder sogar Roboter­bienen zu ersetzen.

Ahnen wir nicht unbewusst, dass die Bienen für die Landwirtschaft und die Landschaft viel mehr bedeuten? Was kommt uns aus einer sommer­lichen Landschaft ohne Bienen entgegen, zum Beispiel aus einer Getreideagrarsteppe? Obwohl sie voll von dem Leben des kräftig wachsenden Getreides ist, hat man den Eindruck von Öde, Tod. Was fehlt denn? Welche Qualitäten bringen Bienen in die Landschaft? Welche Bedeutung haben sie für Landwirtschaft und Landschaft? 

Bienen sammeln Nektar und Pollen, geben Honig, bestäuben Obst- und Gemüsepflanzen und füllen die Landschaft mit Vielfalt und Leben.

Das Wirken der Bienen in der Natur

Auf einer grünen Wiese pflücke ich im Frühling Löwenzahnblüten für die biodynamischen Präparate. Sobald die Sonne scheint, fliegen viele Bienen eifrig von einer Blüte zur anderen, als ob sie ein grosses Netz von Beziehungen zwischen allen Pflanzen weben würden! Später, im Juni, werde ich beim Spaziergang auf die grosse blühende Linde im Park aufmerksam: Sie summt, singt und duftet!

Einmal bin ich in einen blühenden Lindenbaum gestiegen, der voller Bienen war. Ich fühlte mich umfangen von einem grossen, warmen, duftenden Wesen, als ob der Baum durch die Anwesenheit der Bienen eine weitere Lebensdimension erhalten hätte! Dieses Erlebnis sagt viel mehr als die allgemein übliche Erklärung: «Die Bienen holen für sich Nektar und Pollen und dabei befruchten sie unwillentlich die Blütenpflanzen.»

Die Welt der Bienen ist die Welt der Blüten. Zum Abschluss und als Höhepunkt ihres Wachstums bildet die grüne Pflanze die Blüte. Sie ist ein ganz feines, differenziertes, spezi­fisches und ausdrucksvolles Organ. Oft ähnelt ihre Form sogar einem Insekt. Sehr erstaunlich! Es ist eine Welt, wo in einer Atmo­sphäre der Leichtigkeit die Elemente Luft, Licht und Wärme herrschen!

Darüber hinaus fördern die Bienen die Fruchtbildung, die Verwandlung des vegetativen Wachstums von Blatt und Stängel hin zur Frucht und zum Samen. Aus der Begegnung zwischen Blüte und Insekt entsteht etwas ganz Neues – die Frucht. Die Frage ist offen, welche Auswirkungen das Verschwinden der bestäubenden Insekten auf die Quantität, aber auch auf die Qualität der Blüten- und Fruchtbildung haben wird.

Die Wechselbeziehung zwischen Pflanze und Tier

Im Landwirtschaftlichen Kurs macht Rudolf Steiner auf ein Prinzip der Natur und damit auf eine enge Verbindung zwischen Pflanze und Tier aufmerksam: «Die Pflanze gibt und das Tier nimmt.» Diese Wechselbeziehung kann man in der Natur leicht finden. Wenn zum Beispiel viele Blüten Nektar haben und keine Insekten den Nektar nehmen, dann kann diese Wechselbeziehung nicht entstehen, die Pflanze verkümmert. Es ist gerade umgekehrt als man sonst denkt. Studien haben aufgezeigt, dass die Bestäubung durch die Bienen nicht nur einen Einfluss hat auf die Zahl der Früchte, sondern auch auf deren Qualität. Der Vergleich zwischen Apfelbäumen, die intensiv respektive wenig von den Bienen besucht wurden, hat ergeben, dass die Äpfel der intensiv von den Bienen besuchten Bäume eher grösser und süsser waren. Weiter hat man beobachtet, dass durch Bienen bestäubte Lavendelpflanzen bis 20 % mehr ätherisches Öl haben. Wir können diese Wechselbeziehung an einem zwischenmenschlichen Beispiel gut nachvollziehen: Wenn ich jemandem ein Geschenk machen will, doch die zu beschenkende  Person kommt nicht, dann bin ich enttäuscht und traurig und ziehe mich zurück.

Die Bienen schaffen Ausgleich

Die Biene gehört zu denjenigen Tieren, die einen Ausgleich schaffen, indem sie das einseitige vegetative Wachstum in der Natur regulieren. Die Bienen erreichen dies, indem sie die Blüten befruchten, sodass Früchte für Erde und Menschen wachsen. Gleichzeitig sammeln und verarbeiten sie grosse Mengen von Nektar und Pollen. Vielleicht hat man deswegen schon sehr früh die Biene als Göttin verehrt.

Jean-Michel Florin, Ökologe

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Die häufigsten Honigsorten in der Schweiz
Die Honigsorten unterscheiden sich im Wesentlichen nach Her­kunft (Blütenpflanzen oder Honig­tauhonige), Farbe und Geschmack. Neben den Sorten gibt es Unterschiede bei der Haltung der Bienen und der Gewinnung des Honigs.

Die helleren Honigsorten sind meistens mild im Geschmack, so Akazienhonig, Lindenhonig, Wildblütenhonig.
Die dunkleren Honigsorten zeichnen sich durch einen kräftigen, manchmal etwas herben, markanten Geschmack aus, so Tannenhonig und Wald­honig, welche zu den Honigtau­honigen zählen.
Honigtau, ein Ausschei-dungsprodukt spezieller Blatt­läuse, ist das Ausgangsprodukt für Blatt-, Wald- und Nadelhonige.

Das Angebot an Schweizer Honig
• Akazie
• Alpenrose
• Bergblüten
• Kastanie
• Linde
• Löwenzahn
• Obstblüten
• Raps
• Sommerblüten
• Tanne
• Wald
• Wildblüten

Geben und Nehmen

Geht auf eure Felder und in eure Gärten, und ihr werdet lernen, dass es der Biene ein Vergnügen ist, Honig aus der Blume zu sammeln. Aber es ist auch der Blume ein Vergnügen, ihren Honig der Biene zu geben. Denn der Biene ist die Blume ein Quell des Lebens, und der Blume ist die Biene ein Bote der Liebe. Und beiden, Biene und Blume, ist es Bedürfnis und Ver-zückung, Vergnügen zu geben und zu nehmen.

Der Prophet,
Khalil Gibran