Mensch sein – Chancen geben

Mensch sein bedeutet, ein Leben lang in Entwicklung zu sein. Es bedeutet auch, den Samen, der in mir als Potenzial veranlagt ist, zum Leuchten zu bringen, zu dem Menschen zu werden, der ich sein könnte.

Die Welt entdecken, die eigenen Kräfte entwickeln. © Charlotte Fischer

Aktuell sind wir als Weltgemeinschaft in einer besonderen Situation. Ein Virus und der Umgang damit machten auf einmal bisher Unvorstellbares zur Realität. Stell dir vor, vor zwei Jahren hätte dir jemand gesagt, du wirst einen Frühling erleben, in dem du so gut wie keine Flugzeuge am Himmel siehst.

Oder es hätte dir jemand gesagt, dass du deine Grossmama im Altersheim über mehrere Wochen oder deinen Grossvater am Sterbebett nicht besuchen darfst. Stell dir vor, es hätte dir jemand gesagt, es kommt eine Zeit, da dürfen nur noch systemrelevante Berufe ihre Tätigkeit ausüben und alle anderen müssen ihre Arbeit niederlegen. All das wäre vor zwei Jahren undenkbar, unvorstellbar gewesen.

Wie haben uns diese Erfahrungen verändert? Haben sie uns zu neuen Fragen, zu neuem Handeln geführt? Wie ist jetzt unser Verhältnis zu unserem Planeten, zu uns selbst und unseren Mitmenschen?

Wer bin ich?

Als Kind kommen wir aus der geistigen Welt zu unseren Eltern und werden in das soziale Umfeld unserer Familie geboren. Jeder Mensch bringt Fähigkeiten, Talente, Aufgaben und individuelle Merkmale für die bevorstehende Erdenreise mit.

Wer schon einmal bei einer Geburt dabei war und einem Neugeborenen in die Augen blicken durfte, dem ist es vermutlich keine Frage, dass jedes dieser Menschenkinder seine eigene, urpersönliche Individualität mitbringt. Und doch haben Säuglinge, Kinder und Jugendliche sehr viele Merkmale und Eigenschaften, die sie mit anderen Gleichaltrigen gemeinsam haben – allgemeinmenschliche Eigenschaften, welche sich im Laufe einer Biographie individualisieren.

Mensch sein bedeutet, nie fertig, ein Leben lang in Entwicklung zu sein, Fehler zu machen, diese zu erkennen und sie umzuwandeln und dabei die Chance zu haben, sich für neue Entwicklungsrichtungen zu entscheiden.

Wir Menschen werden immer individueller

Es ist ja deutlich, dass wir als Menschen im Laufe des Lebens nicht immer «allgemein menschlicher», sondern immer «individuellere Menschen» werden. Das können wir unmittelbar in der Begegnung mit einem alten Menschen erleben: an dem durch das Leben und das Erlebte geprägten Gesichtsausdruck, an der durch das Leben gezeichneten Haut oder an den durch das Leben so individuell geformten Hände. Man erkennt sofort an den Händen, ob sich ein Mensch in seinem Leben mehr mit der physischen Substanz – wie ein Bauer – oder mehr mit geistigen Inhalten – wie ein Priester – auseinandergesetzt hat.

Anders ist dies bei den anderen Naturreichen, der Tier-, Pflanzen- und Mineralienwelt. Ein in freier Wildbahn sich entwickelndes Tier wird im Laufe des Lebens immer mehr die arttypischen Eigenschaften annehmen. Ein Gänseblümchen wird, bei gleichen Umweltbedingungen, dieses und nächstes Jahr in seiner gleichen, vollkommenen Form und Farbe erblühen. Der Bergkristall, der heute und vor 1000 Jahren in seiner präzisen, sechseckigen Form in Erscheinung tritt, wird dies vermutlich auch in 1000 Jahren noch genau gleich machen.

Wir sind auch Gestaltende

Wir wissen mittlerweile sehr genau, dass wir nicht «nur» Opfer unserer physischen Grundlage, unserer Gene sind, so wie man das früher in der Genetik dachte, sondern dass uns das Leben auf der uns durch die Eltern mitgegebenen genetischen Klaviatur spielen lässt. Unser soziales Umfeld, der Lebensstil sowie unsere eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen können unterschiedliche Bereiche unseres Genoms aktivieren oder deaktivieren und so bis in die Benutzung unseres Bauplans, der DNA, hineinwirken. Diese Phänomene führen uns Wissenschaften wie die Epigenetik (Einflüsse zusätzlich zur DNA-Genetik) vor Augen.

Wenn ein Kind in eine Familie geboren wird und als hilfloser Säugling durch die liebevolle Zuwendung der Eltern in den ersten Jahren in seinen Körperfunktionen immer selbstständiger wird und in den ersten Jahren die drei grossen Entwicklungsschritte Gehen, Sprechen und Denken macht, so sind das Fähigkeiten, die uns als Eltern staunen lassen. Bei älter werdenden Kindern erleben wir die emotionale und intellektuelle Entwicklung, das Erwachen von sozialen Kompetenzen und die geschlechtliche Entwicklung zur jungen Frau oder zum jungen Mann.

Diese Entwicklungsschritte werden durch die Eltern, massgeblich aber auch durch Pädagoginnen und Pädagogen begleitet. Es ist für uns alle klar, dass wir Menschen mit der Geschlechtsreife nicht «erwachsen» sind. Das zeigt sich auch in der rechtlichen Volljährigkeit. Es müssen noch Fähigkeiten wie die Urteilsfähigkeit, Kritikfähigkeit und die eigene Meinung nicht nur intellektuell, sondern auch ästhetisch und moralisch entwickelt werden.

Das Interesse an der Welt wächst

In dieser Zeit wächst das Interesse für die Welt, man will die Welt verstehen und kennen lernen. Eigene Ideale und Interessen sowie Lebensmotive werden deutlicher, was sich in dieser Zeit unter anderem auch in der Berufs- und Studienwahl zeigt.

Bis zu diesen Lebensphasen ist das Hineinleben, Hineinwachsen, sind die Entwicklungsschritte in unsere Welt sehr offensichtlich und durch Institutionen wie Schule, Lehre, Fachhochschule oder Universität sowie durch Pädagogen, Familie und Freunde begleitet. Dann steht man als junger Erwachsener in der Welt und ist mit seiner weiteren Entwicklung auf sich gestellt. Doch was bedeutet «Entwicklung», wenn die Ausbildung und das Studium abgeschlossen sind? Wie geht es mit der Erziehung weiter, wenn die Lehrmeister, Lehrer und Eltern weniger Bedeutung bekommen? In dieser Lebensphase des Erwachsenwerdens verwandelt sich «Erziehung» immer mehr in «Selbsterziehung».

Selbsterziehung ist eine zutiefst in der Freiheit des Menschen liegende Möglichkeit, die uns das ganze Leben begleitet und damit unsere ganz In dieser Zeit wächst das Interesse für die Welt, man will die Welt verstehen und kennen lernen. Eigene Ideale und Interessen sowie Lebensmotive werden deutlicher, was sich in dieser Zeit unter anderem auch in der Berufs- und Studienwahl zeigt.

Bis zu diesen Lebensphasen ist das Hineinleben, Hineinwachsen, sind die Entwicklungsschritte in unsere Welt sehr offensichtlich und durch Institutionen wie Schule, Lehre, Fachhochschule oder Universität sowie durch Pädagogen, Familie und Freunde begleitet. Dann steht man als junger Erwachsener in der Welt und ist mit seiner weiteren Entwicklung auf sich gestellt. Doch was bedeutet «Entwicklung», wenn die Ausbildung und das Studium abgeschlossen sind? Wie geht es mit der Erziehung weiter, wenn die Lehrmeister, Lehrer und Eltern weniger Bedeutung bekommen? In dieser Lebensphase des Erwachsenwerdens verwandelt sich «Erziehung» immer mehr in «Selbsterziehung».

Selbsterziehung ist eine zutiefst in der Freiheit des Menschen liegende Möglichkeit, die uns das ganze Leben begleitet und damit unsere ganz persönliche Lebensweise sowie unsere Werte und Ideale prägt. Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten, diesen Weg zu gehen, wie es Menschen gibt. Viele Menschen üben sich in Achtsamkeit, andere in regelmässiger Meditation oder vertiefen sich im Gebet. Auch künstlerisches Schaffen als Weg der Welt- und Selbsterkenntnis und Vertiefung der Wahrnehmung sind Möglichkeiten, in innerer Entwicklung zu bleiben.

Im Alltag üben

Als eine weitere mögliche Hilfestellung zur Selbsterziehung können wir die sechs Seelenübungen verstehen, welche uns Rudolf Steiner gegeben hat. Dabei handelt es ich um sechs kleine Übungen, die in den Alltag gut integrierbar sind und uns Eigenschaften wie Gedankenkontrolle, Willensinitiative, Gleichmut, Positivität, Unbefangenheit und seelisches Gleichgewicht üben lassen. Ein Übungsweg, der sich als Quelle innerer Kraft und seelischer Gesundheit erweist.

In Zusammenhängen wie «New Work», einer Bewegung, die sich mit neuen Arbeitsformen, neuer Arbeitsorganisation, neuer Arbeitskultur und Arbeitsstruktur beschäftigt, nennt man Selbstentwicklung, «Inner Work». Inner Work, als eines der wesentlichen Elemente zum Gelingen einer Transformation von einem hierarchisch, starr organisierten Unternehmen, in dem vielleicht Bürokratie und Dokumentationswesen die Macht übernommen haben, zu einem teamgeführten, sinnorientierten Unternehmen.

Handelnd und gestaltend erwachsen werden

Als Mensch erwachsen zu werden, bedeutet, dass man selbst entscheiden darf, ob man zum Abendessen Brot und Gemüse isst oder ob man sich doch für eine grosse Portion Glace entscheidet. Das heisst zugleich, dass man seine Entscheidungen selbst verantwortet, deren Konsequenzen für sich und die Welt tragen muss und mit jedem Handeln ein Stück weit die Zukunft unserer Erde im Wirtschaftlichen, Ökologischen, Sozialen und Gesellschaftlichen beeinflusse.

Diese Tatsache, dass ich mit jeder Handlung die Welt mitgestalte und damit unmittelbar die Zukunft unserer Erde mitverantworte, ist für jeden Einzelnen eine grosse, kaum überschaubare Aufgabe und zugleich die grösste Chance und das grösste Potenzial der Menschheit. Es ist völlig klar, dass jeder Mensch nur in seinem möglichen Rahmen handlungs- und gestaltungsfähig ist. Aber jeder ist es, in seiner ganz persönlichen Art und Weise.

Der Blick zurück vor dem Schlafengehen

Doch wie schaffe ich es, dass mir mein alltägliches Handeln, die Auswirkungen meiner Taten bewusst werden, ohne dass ich in meinem Tun, in meinen Zielen gelähmt werde? Hierbei kann uns helfen, am Abend vor dem Schlafengehen auf das Leben während des Tages zurückzublicken. Es kommt dabei nicht darauf an, dass wir möglichst viele Tagesereignisse an unserer Seele vorüberziehen lassen, sondern darauf, dass wir das mit dem Wichtigsten tun und unser Leben und uns selbst dabei wie von aussen betrachten und so die Wirkung unserer Taten erkennen. So stellen wir uns uns selbst gegenüber und lernen von jedem vergangenen Tag für die zukünftigen Tage.

Wenn wir in die Vergangenheit schauen, so sind viele zentrale Initiativen unserer Zeit häufig auf einzelne Menschen und Menschengruppen zurückzuführen. So zum Beispiel die grosse Klimaschutzbewegung «Fridays for Future», welche mit der gerade mal 16-jährigen Greta Thunberg in Stockholm angefangen hat. Oder die Initiative in der Schweiz «Ja zur Komplementärmedizin», welche von einem kleinen Initiativkreis ins Leben gerufen wurde, durch viele Menschen unterstützt und dann 2009 vom Schweizer Stimmvolk mit einer Zweidrittelmehrheit angenommen wurde.

Diese Initiative bildet heute im Schweizer Gesundheitswesen die Möglichkeit einer echten Integrativmedizin. Seither ist die Komplementärmedizin in der Grundversicherung enthalten – diese Tatsache bildet die Grundlage, dass sich Schulmedizin und Komplementärmedizin auf Augenhöhe zum Wohle der Patient*innen ergänzen können.

Die Zeit hat sich gewandelt. Unvorstellbares wird vorstellbar. Daher lasst uns mutig in der Zukunft nach den Sternen greifen, die Dinge nicht isoliert betrachten, im rechten Moment innehalten, respektvoll mit der Natur umgehen, Sorge für unsere Mitmenschen tragen und zur gegebenen Zeit unsere Herzensinitiative beginnen! Dann bauen wir gemeinsam an einer Welt der Menschlichkeit, wo für jeden Menschen auf der Erde Platz ist. Bescheidenheit des Einzelnen bringt Reichtum und Gesundheit für Natur und Menschheit.

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Dr. med. univ. Severin Pöchtrager, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin (FMH)

Breidenbach, J. und Rollow B. (2019). New Work needs Inner Work. Vahlen. ISBN 9783800661398

 

 

Donare

Weiterent- wicklung – und ein Hauch Poesie

In den letzten anderthalb Jah- ren hat sich vieles in unserem Leben verändert. Die Natur jedoch ist dieselbe geblieben. Sie bietet uns Ruhe, Vollkom- menheit, Schönheit, wir kön- nen uns in ihr erholen. Und wir Menschen? Mehr als vor- her sind wir aufgefordert, mit- zugestalten. Dies können wir, indem wir die Bedürfnisse der andern, insbesondere der Kin- der und Jugendlichen wahr- nehmen, ihnen helfen, sie un- terstützen. Und nicht zuletzt, indem wir ihnen Vorbild sind, uns weiterentwickeln. Kinder tragen die Zukunft in sich, haben das Potenzial, Neues zu gestalten.

Dante Alighieri’s Worte ha- ben auch in unserer heutigen Welt noch Gültigkeit: «Drei Dinge sind uns aus dem Para- dies geblieben: die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinder.»

Der FondsGoetheanum un- terstützt und fördert diese ganzheitlichen Forschungs- projekte seit vielen Jahren. Die Erkenntnisse stehen der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Die sechs Übungen

Die sechs Übungen von Rudolf Steiner bilden einen Organismus. Sie sind von wohltuender und heilsamer Wirkung und ein Weg zur Selbsterziehung. Regelmässig geübt, sind sie eine Quelle innerer Kraft und bauen diese Fähigkeiten auf:

• Gedankenkontrolle

• Willensinitiative

• Gleichmut

• Positivität

• Unbefangenheit

• Seelisches Gleichgewicht

 

Weiterlesen? ISBN 978-3-7274-5295-6