In der Tat liegt die Chance

Die Corona-Krise fordert uns an vielen Fronten heraus. Essenziell ist, das Vertrauen zu stärken, die Tatkraft zu entfalten und mutig die sich abzeichnenden Chancen weiterzuverfolgen. Aus freien Stücken und voller Überzeugung. Es lohnt sich, wie Beispiele und jüngste Erfahrungen zeigen.

Bezahlen wir für unsere Lebensmittel den Preis, der dem Produzenten die Weiterexistenz sichert?

Gerade jetzt wollen und sollen wir tätig werden. Was ist die Voraussetzung, damit es uns gelingt, in die Tat zu kommen, Aufgaben zu ergreifen und sie zu lösen? Es ist zuallererst das Vertrauen in uns selbst und unsere Fähigkeiten. Und dieses Vertrauen ist bei vielen Menschen durch die Isolation und das Social Distancing erschüttert worden.

Vertrauen aufbauen

Wenn wir Vertrauen in uns selbst und in unsere Werte, wie z. B. Solidarität, Offenheit, Klarheit haben, dann können wir auch allen vertrauen, mit denen wir wirtschaftlich in Kontakt sind und denen wir z. B. unsere Ersparnisse anvertrauen, also in den Bereichen, in welchen Geld eine entscheidende Rolle spielt. Wirtschaft beinhaltet also mehr als Geld. Geld spiegelt bei näherem Zusehen auch «Werte», die in einer auf Vertrauen bauenden Wirtschaft unabdingbar sind, wie Ehrlichkeit, Rücksicht, Blick auf das Gemeinwohl. Dominiert das Geld zu sehr, kann es die wahre Natur der wirtschaftlichen Tätigkeit verbergen.

Wie halten wir’s mit dem Geld?

Geld ist Segen und Fluch zugleich. Geld kann uns selbst widerspiegeln. Sind wir vor allem an Geld interessiert, leben wir in der Illusion, dass Geld unsere zentrale Existenz ist – und wir verlieren den Bezug zur Wirklichkeit der Welt und die Verbindung mit ihr, den anderen und der Natur. Wir werden zum Inhalt unseres Portemonnaies, zum Betrag auf unserem Bankkonto.

Ist Geld für uns ein Mittel zum Zweck, dann wird Geld zur «Sehhilfe», wir sehen den Geldfluss vom Ursprung bis zum Ziel und erleben daran die Situation der Welt, der anderen und der Natur. Wie ein Auge die Welt der Farben, offenbart das Geld das Leben der Wirtschaft. Es ist eine Art Nervensystem, das uns erlaubt, die Bedürfnisse unserer Umgebung zu erkennen und bewusst und sinnvoll zu reagieren.

Unsere Haltung zum Geld ist der Schlüssel zur Veränderung der Wirtschaft.

Die Frage nach dem wahren Preis

Wenn wir es wollen, kann die Wirtschaft zu dem Ort werden, wo Vertrauen und Leben ineinandergreifen und zum Wohle aller Früchte tragen. Dann wird die Wirtschaft zum Schauplatz des Vertrauens und die Krise zur Chance. Unser wirtschaftliches Verhalten konkret zu ändern, hat gleichzeitig ökologische Konsequenzen. Nicht umsonst haben die beiden Wörter Ökonomie und Ökologie die gleiche griechische Wurzel: «oikos», das Haus. Beide sprechen auf ihre Weise die Notwendigkeit an, uns um unser Haus zu kümmern, den Ort, in dem wir unser Leben gestalten.

Dazu ein Beispiel: Was ist der Preis eines Produktes, einer Dienstleistung? Es ist der Betrag, die Menge Geld, der es dem Verkaufenden erlaubt, seine Bedürfnisse und die der Seinen zu decken, bis er das Gleiche wiederverkaufen kann. Dieser Preis wird dann und nur dann wahr sein, wenn der Hersteller und mit ihm die Natur in Würde bis zum nächsten Verkauf leben kann und nicht von der Substanz zehren muss. Von der Substanz zehren heisst immer, dass der Preis ungestraft zum Komplizen für die Schwächung des Menschen und der Natur wird: Den Menschen fehlt dann Zeit und Raum für das uns alle tragende Zwischenmenschliche, für uns selbst, und die Natur kann sich nicht mehr erholen.

Haus, Hof und Quartier stärker verbinden

Noch nie war die biologische Landwirtschaft so gefragt wie heute. Während der Corona-Krise entdeckten viele, dass Vertrauen in die Qualität der Lebensmittel ganz zentral ist. Deshalb fanden viele zurück zum Quartierladen mit den engagierten und kompetenten Mitarbeitenden, welche die Herkunft der angebotenen Lebensmittel gut kennen. Und nicht wenige kauften gar direkt auf dem Bauernhof ein, noch näher der Quelle der Lebensmittel. Wenn diese Verbindungen weiterbestehen, kann ein nachhaltiges ökonomisches Netz aufgebaut werden, das immer mehr positive Kreise ziehen wird.

Es bilden sich echte Beziehungen, keine distanzierten, am Bildschirm erzeugten. Man kann dies so charakterisieren: Diese Beziehungen sind frei gewollt, frei gewählt und das Engagement ist der ganz persönliche Wille jedes Einzelnen. Der Egoismus, der uns normalerweise antreibt und auch isoliert, dehnt sich auf den Quartierladen und den Landwirtschaftsbetrieb aus. Es entsteht ein Sinn für das Gemeinwohl, d. h. für das, dem wir uns verbunden fühlen, weil wir uns darum kümmern. Der Quartierladen, der Bauernhof gehört jetzt zu «unserem Haus». Die uns umgebende Wirtschaft wird zur unsrigen. Das eröffnet Perspektiven, an die vorher kaum zu denken war, und erweitert den Horizont.

Aus freiem Antrieb, wie die Rega

Das Potenzial einer Wirtschaft des gemeinsamen Vertrauens ist immens. Dies ist ein gewaltiger Sprung nach vorne, der sich an einem sehr schweizerischen Beispiel veranschaulichen lässt, nämlich an der Rega, der Institution der privaten Luftrettungsgesellschaft – und immer noch ist sie ein Pionier. Sie wird von mehr als 3,5 Millionen Spenderinnen und Spendern in der Schweiz freiwillig unterstützt, d. h. von mehr als 40 % der Bevölkerung. Wir wissen, dass die Rega nur durch unsere freiwilligen Spenden weiter existieren kann, und deshalb ist sie auch ein wenig die Rega eines jeden von uns.

In einer Wirtschaft des Vertrauens sind es die Handelnden, die durch ihr gegenseitiges Engagement und die daraus resultierende Solidarität die Zukunft sichern. Wir sollten fortsetzen und ausweiten, was in den letzten Monaten im Kleinen begonnen hat, und nicht in alte Gewohnheiten zurückfallen. Können wir lernen, so auf das Geld zu schauen und mit ihm umzugehen, dass wir beim Kaufen, Leihen oder Schenken den anderen und die Natur im Bewusstsein haben und ihnen vertrauen? Es lohnt sich, dieses Risiko des Vertrauens einzugehen.

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Marc Desaules, Physiker und Unternehmer, Co-Leitung von L’Aubier Montezillon

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«Ökonomie und Ökologie haben dieselbe Wurzel»