Biodiversität – Der Schlüssel zur ganzheitlichen Gesundung

Die Pandemie hat unser Leben und das Leben fast aller Menschen auf der Erde verändert. Viele fragen sich, wie dies möglich wurde, was dazu geführt hat. Unsere Spurensuche führt uns zu den aktuellen grossen ökologischen Fragen und zur Erkenntnis: Die Biodynamik weist uns einen Weg aus der Krise.

Übergangszonen wie Hecken und Wegraine haben die grösste Biodiversität.

In letzter Zeit wurde eine weltweite Zunahme verschiedener Infektionskrankheiten bei Pflanzen und Tieren beobachtet, sowohl viralen als auch bakteriellen Ursprungs. Auch Pilzkrankheiten nehmen zu, ganz zu schweigen von Parasiten und Unkräutern, die in der Land- und Forstwirtschaft immer virulenter werden. Es überrascht deshalb nicht, dass auch die Zoonosen zunehmen. Zoonosen sind Krankheiten, die sich seit Beginn der Menschheit von Tier auf Mensch und von Mensch auf Tier übertragen.

Folgen industrieller Landwirtschaft auf Pflanzen und Tiere

Wir erleben also einerseits bei Pflanzen und Tieren eine starke Zunahme von Krankheiten, andererseits eine allgemeine Schwächung dieser Lebewesen durch die Zerstörung ihrer natürlichen Umwelt, durch die Belastungen des Klimawandels und der Umweltverschmutzung. Hinzu kommt der rapide Rückgang der biologischen Vielfalt: Eine aufsehenerregende Metaanalyse zeigte schon 2010, dass die Verminderung der Biodiversität mit einer Zunahme der erwähnten Infektionskrankheiten einhergeht(1).

Sofortlösungen zur Ausrottung von Keimen und Parasiten, wie sie die industrielle Landwirtschaft sehr effizient beherrscht, bekämpfen die Symptome, lösen jedoch die Probleme nicht. Die Natur ist ein Ganzes, sie lässt sich nicht aufteilen in Gutes und Nützliches sowie Nutzloses und Krankmachendes.

Mit der Natur leben, nicht sie beherrschen wollen

Viele Menschen haben keinen Bezug mehr zur Natur, obschon wir in unserer Leiblichkeit auch Natur sind, sie fühlen sich nicht mehr als Teil der Natur, fürchten sich vor ihr. Das äussert sich darin, dass man die totale Kontrolle der Natur anstrebt, sie beherrschen will. So wird auch das Corona-Virus als Teil einer gefährlichen äusseren Natur gesehen, das es wie andere Schädlinge auszurotten gilt. Die Geschichte der Landwirtschaft zeigt, dass der Mensch(2) über Jahrtausende fast alle Landschaften der Erde geprägt und mitgestaltet hat – sogar den Urwald des Amazonas – bis vor wenigen Jahrhunderten meistens mit grossem Respekt vor und unter Einbezug der natürlichen Bedürfnisse aller Pflanzen, Tiere und der Erde; alle wurden als Wesen gesehen.

Heute ist unsere Haltung oft eine beherrschende: Pflanzen, Tiere und Erde betrachten wir als Ressourcen, die wir nach unserem Belieben nutzen und kommerzialisieren. Können wir wieder eine partnerschaftliche Haltung zur Natur entwickeln, uns als Teil von ihr fühlen, Lebenszusammenhänge schaffen und so eine positive, umfassende und liebevolle Beziehung zur Natur finden?

Beispiel Borreliose: Ungleichgewicht mit Folgen

Zurück zur Entstehung von Pandemien. Hier kann das konkrete Beispiel der Borreliose(3), die zuerst in den USA aufgetaucht ist, uns helfen, die Entstehung einer Zoonose besser zu verstehen. Die Borreliose wird in den 80er-Jahren in der Stadt Lyme in Connecticut festgestellt, verbreitet sich in Amerika sehr schnell und ist seit mehr als 30 Jahren auch in Europa. Nach Ansicht von Ökologen hat sich die Borreliose erst im letzten Jahrhundert in Nordamerika entwickelt durch die starke Vermehrung der Zecke, ihres Wirts, und der Wirte der Zecken, der Hirsche und Mäuse, deren Bestand massiv stieg. Das Gleichgewicht der Natur ging verloren, weil deren natürliche Feinde durch den Menschen ausgerottet wurden.

Hinzu kommt, dass die Menschen immer mehr Platz beanspruchen und Städte und Dörfer in den Lebensraum der in der freien Natur lebenden Tiere eindringen. So leben die Menschen nun zu nah der Natur und ihren Tieren und kommen dadurch mit den Zecken und dem Bakterium der Borreliose in Kontakt.

Die Vielfalt der Lebensformen schützen und fördern

Alle Lebewesen, besonders die Mikroorganismen, sind «Zellen» oder Organe von grösseren Organismen, diese wiederum von Landschaftsorganismen, und Landschaftsorganismen sind Organe des Erdenorganismus.* Wenn die komplexen Naturkreisläufe zwischen Boden, Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren zerstört werden, können die Landschaftsorganismen nicht mehr heilen (wie im Fall der Borreliose in Amerika). Die Mikroorganismen, zum Beispiel Bakterien und Viren, können sich dann ungebremst einseitig entwickeln. Sie werden zu Schädlingen, weil sie nicht mehr in einen übergeordneten, sich selbst regulierenden Landschaftsorganismus eingebunden sind.

Können wir die Landschaftsorganismen so bewirtschaften und pflegen, dass Mikroorganismen eingebunden und damit weniger schädlich sind? Es ist dies das Bestreben der biodynamischen Landwirtschaft, alle Lebewesen in einen «Landwirtschaftlichen Organismus» zu integrieren.

Auf dem biodynamischen landwirtschaftlichen Betrieb sind prinzipiell alle Wesen willkommen. Idealerweise sollte jede wilde Pflanze und Kulturpflanze sowie jedes Tier in einer Umgebung leben können, die ihrem bzw. seinem Wesen entspricht.

Jedes Naturwesen, sei es Pflanze oder Tier, ist immer Teil eines grösseren Ganzen, das es zu erhalten und zu gestalten gilt. So ist das Ideal des landwirtschaftlichen Organismus eine nach innen stark differenzierte Einheit, die vielfältige Lebensräume bietet, zum Beispiel für die verschiedenen Tiergruppen wie Vögel, Insekten usw. Es ist eine grosse Herausforderung, diesen Organismus zu gestalten, gleichzeitig aber ein spannender Weg, insbesondere für Winzer und Obstbauern, die ihre Monokultur umstellen wollen.

Die Biodynamik des Lebens nutzen

Dem Landwirt stellt sich dabei die Frage: Wie bringe ich Diversität auf meinen Betrieb? Er muss zum Beispiel lernen, den Mikroorganismen auf dem Betrieb Raum zu geben, ihnen Platz zu schaffen auf Auen und feuchten Wiesen. Diese Landschaftselemente sind auf jedem Hof wichtig. Am Anfang ist es für viele Landwirte schwierig, diese für sie neue Sichtweise zu verstehen und alle Wesen willkommen zu heissen, denn üblicherweise werden «Schädlinge» ja systematisch vernichtet.

Der Landwirt ändert seine «Kriegshaltung» zu einer «Willkommenshaltung» für alle Wesen. Diese Haltung schafft eine andere Atmosphäre, die auch auf der seelischen Ebene direkt spürbar wird. So sagen Besucher: «Man fühlt sich gut hier!» Und ein Sommelier schreibt über die biodynamischen Weine: «Sie haben etwas Eigenartiges, sie lösen Gefühle aus!» – eine Wirkung der Willkommenshaltung.

Mit dieser Haltung gestaltet der Landwirt die Landschaft ganz anders. Statt einer Trennung zwischen Produktions- und Naturschutzflächen durchdringen sich die beiden gegenseitig, die Landschaft wird so neu gegliedert und strukturiert, eine grosse Vielfalt von Biotopen entsteht. Übergangszonen wie Hecken, Waldränder, Ufer, Wegrain usw. haben die grösste Biodiversität und sind Wahrnehmungs-und Verbindungsorgane zwischen den verschiedenen Elementen der Landschaft. So entsteht ein lebenserneuernder, widerstandsfähiger Organismus.

Die Sprache des Atmosphärischen

Der Klimawandel und die Corona-Pandemie haben gemeinsam, dass sie unsichtbar sind und aus der Peripherie kommen. Beide sind auch eine Herausforderung für unser kausales Denken, das immer linear in Ursache und Wirkung denkt. Mit diesem Denken können wir die heutigen grossen Krisen nicht mehr lösen. Wir müssen lernen, aus dem Fühlen und Erspüren der Umwelt, aus dem «Atmosphärischen» wahrzunehmen, was die Natur uns mit ihren Entwicklungen zu verstehen geben will. Das fordert uns als ganzen Menschen.

 

* diese Sicht, dass jedes Lebewesen eigentlich eine Gemeinschaft von Lebewesen ist – man spricht vom Metaorganismus – verbreitet sich immer mehr in der Biologie.

Bosch, Thomas C. G. und Miller, David J.: The Holobiont Imperative -Perspectives from Early Emerging Animals, Springer, 2016, 155 Seiten, Englisch,

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Jean-Michel Florin, Ökologe und Co-Leitung der Sektion für Landwirtschaft

(1) Pierre Le Hir. Moins d’espèces, plus de malades infectieuses. Le Monde. Paris. 15.12.2010. S.4

(2) Andreas Suchantke, Partnerschaft mit der Natur. Verlag Freies Geistesleben. Stuttgart. 1993

(3) Norbert Gualde. Comprendre les épidémies, la coévolution des microbes et des hommes. Les empêcheurs de penser en rond. Paris. 2006

 

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«Lineares Denken bringt uns nicht mehr weiter»