Naturverbundenheit wieder erlernen

Vor 100 Jahren wurde die Steiner-Waldorf-Pädagogik gegründet. Hier erleben die Schülerinnen und Schüler während der Schulzeit die existenzielle Verbundenheit von Mensch und Natur hautnah.

Ein Freitagvormittag im Mai 2019: eine Schülergruppe ist auf dem Weg zur Versammlung auf dem Marktplatz. Handgemalte farbige Plakate zeigen die Dramatik des Klimawandels. Gerade die jüngeren Schülerinnen und Schüler zeigen ihre existenzielle Betroffenheit über den Zustand der Erde in schnörkelloser, unmittelbar treffender Sprache: «O, o! Fünf vor Zwölf! – Nun ist es Zeit zu handeln!»

Dem tiefen Ernst so vieler junger Menschen, die sich jenseits von Kalkül und Parteizugehörigkeit zu Worte melden, stehen die aktuellen Berichte über die zunehmende Erwärmung der Erde gegenüber. Die Gletscher gehen zurück. Auf einer nordfriesischen Insel hat man nun begonnen, Reben zu pflanzen – zugleich müssen dort die grossen Aussendeiche wegen des steigenden Meeresspiegels weiter erhöht werden.

Handlungsfähigkeit veranlagen

Angesichts dieser Wirklichkeiten ist jede gegenwärtige Pädagogik herausgefordert, in den jungen Menschen Kräfte der Handlungsfähigkeit für die Zukunft zu veranlagen. Wie aber kann sich eine existenzielle Zusammengehörigkeit von Mensch und Natur bilden, die sich aus tiefer innerer Verbundenheit zur Erde und ihren Naturerscheinungen nährt?

Es beginnt schon in der Kindheit

Diese existenzielle Zusammengehörigkeit bildet sich in der Kindheit, wenn das Kind in seiner Entwicklung sein Verhältnis zu Natur und Welt durch eigenes Tun immer tiefer erfahren kann. Jede Resonanz zwischen aktueller seelisch-geistiger Entwicklung und echter Begegnung regt ureigene innere Impulse an. Seit 100 Jahren bietet die Steiner-Waldorf-Pädagogik den Kindern dieses eigene, tiefe Erleben in und mit der Natur und der Welt.

In den Jahren der Kleinkind- und Kindergartenzeit sind es elementare Sinnes- und Willenserfahrungen, welche die Verbundenheit mit der umgebenden Welt prägen. In den ersten Schulklassen verbinden sich diese Erfahrungen immer stärker mit Gefühlsregungen, welche z. B. in Erzählungen eine tiefe seelische Nähe mit den Naturkräften veranlagen.

Vom Acker bestellen bis zum Brotbacken

In der Landbauepoche einer 3./4. Klasse können Eltern dann zusammen mit den Kindern den ganzen Prozess bis zum Brotbacken miterleben – von der Ackerbestellung zur Aussaat, zur Ernte und zum Mahlen des Getreides bis hin zur Teigbereitung. Die Kinder nehmen dabei wahr, dass Wachstums- und Reifeprozesse stark vom Klima abhängen.

Hat sich auf diese Weise die Liebe zur umgebenden Natur in der Fähigkeit des freudigen Handelns und Pflegens verankert, erweitern die nachfolgenden Jahre diese Verbundenheit auf das Ganze der Erde: Im Erleben der Tier-, Pflanzen- und Gesteinswelt wird neben den Erscheinungen immer auch die Bedeutung dieser Naturreiche für unsere menschliche Entwicklung herausgearbeitet.

Verantwortung wahrnehmen in Naturschutzprojekten

Aus diesem Gewahrwerden der Zusammengehörigkeit erwächst eine weitere Stufe des Verantwortungsgefühls. In Mittelstufenklassen wird dieses durch Naturschutzprojekte z. B. zur Bienenhaltung, zum Vogelschutz oder zur Renaturierung von Mooren vertieft.

Aus dem beschriebenen Weg folgt auch für die Oberstufe eine grosse Herausforderung: Wie kann heute die Vielschichtigkeit der klimatischen und ökologischen Erscheinungen in einem lebensnahen Zusammenhang erfasst und bewusst gemacht werden? Hier bildet die ganzheitlich orientierte goetheanistische Naturwissenschaft einen Ansatz, der aus dem gründlichen Studium der Phänomene und der vielen einzelnen Fakten zu einem Verstehen der lebendigen Ganzheit führt.

Zeichen der Hoffnung

Dass so viele Schülerinnen und Schüler heute ihren erwachenden, berechtigten Idealen Ausdruck verleihen, ist ein Zeichen der Hoffnung. Es fordert die Pädagogik auf, aus einer existenziellen Verbundenheit mit Natur und Klima Wege des verantwortlichen menschlichen Handelns aufzuzeigen. Die Schulen haben die Aufgabe, auf diese Fragen in tiefer Weise und menschlich umfassend einzugehen.

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Claus-Peter Röh, Leitung der Pädagogischen Sektion am Goetheanum

 

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«Den ganzen Prozess miterleben, prägt»