Mensch und Erde, eine starke Beziehung

Der folgende Artikel untersucht die wechselseitige Verbindung von Mensch und Erde als lebende Organismen aus medizinischer Sicht. Fazit: Wir erleben eine Beziehungskrise zwischen Mensch, Erde und Kosmos.

Die zarte Erdhülle ist einzigartig, ein unendlich vielfältiger Organismus, den es zu erhalten und zu schützen gilt.

Das Verhältnis der Menschheit zu Erde und Kosmos hat sich in der Neuzeit verrückt. Dazu zwei Beispiele:

Sonnenlicht wird medizinisch als entscheidender Risikofaktor für bösartige Tumoren der Haut – und damit schon selbst als bösartig – angesehen. 2010 beginnt ein Fachartikel der Dermatologie1 «Sonnenlicht ist ein komplettes Karzinogen».

Ausschliesslich auf mangelnden Aufenthalt unter freiem Himmel ist die Kurzsichtigkeit im heutigen Ausmass zurückzuführen und betrifft beispielsweise inzwischen 95 % aller südkoreanischen Studenten. Bei naturverbunden «bodenständiger» Lebensweise früherer Jahrhunderte würde die Rate bei lediglich 5 % liegen. Statistiken zeigen, dass ein Drittel der betroffenen Kurzsichtigen es in der zweiten Lebenshälfte mit schwerwiegenderen Augenproblemen wie Netzhautablösung zu tun bekommen.

Wie leben wir mit der Wärme?

Während die Erdhülle zu überhitzen droht, entwickeln die Menschen gerade in den Industrienationen innerlich immer weniger Wärme. Die körperliche Arbeit – unsere Muskeln sind bei 39 Grad Celsius am leistungsfähigsten, eine Temperatur, die schwer arbeitende Menschen und Sportler durchaus erreichen – fällt immer mehr weg.

Warum empfindet die überwiegende Mehrheit der Eltern, Patienten und des medizinischen Fachpersonals Fieber – also die gesteigerte innere Aktivität der menschlichen Wärmeorganisation – als Bedrohung? Und warum setzt die klassische Medizin wider besseres Wissen exzessiv auf fiebersenkende Arzneimittel? Denn dadurch werden die Infektabwehr geschwächt, die Krankheitsdauer verlängert, auch die Sterblichkeit eher erhöht und Fieberkrämpfe bei Kleinkindern nicht verhindert.2

Fieber ist in aller Regel ein vom menschlichen Organismus selbst regulierter Zustand und kommt nur beim Menschen und hoch entwickelten Tieren vor. Die Angst vor akut fieberhaften Infektionen wird heute ähnlich geschürt wie vor dem Sonnenlicht. Gleichzeitig nehmen chronische, «kühl verlaufende» Entzündungen wie Neurodermitis, Asthma oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen sehr stark zu; teilweise ist dafür wie etwa beim Morbus Crohn auch ein Mangel an Sonnenlichtaufnahme als Teilursache nachgewiesen.3 Auch das Karzinomrisiko steigt durch den Mangel an akut fieberhaft erzeugter Eigenwärme des Menschen.

Die Wärmeorganisation des Menschen

Wir können medizinisch heute konstatieren, dass bei sehr vielen Menschen die Wärmeorganisation gestört ist. Diese stellt aber im menschlichen Organismus physiologisch die oberste Regulationsebene unserer Leiblichkeit dar: Atmung, Kreislauf, Substanzauf- und -abbau stehen normalerweise im Dienst unserer Wärmeorganisation, durch die wir unseren Leib gestalten.

Die menschliche Wärmeorganisation ist weitaus flexibler als die eines jeden Tieres. Weit weniger ist im Bewusstsein, wie sehr die Funktion und Gesundheit unserer eigenen Leiblichkeit von einer gesunden Wärmeorganisation abhängt.

Die menschliche – nackte – Haut, die es so im (wilden) Tierreich nicht gibt, gibt uns eine einmalige Wärmeregulationsmöglichkeit, die auch die Voraussetzung dafür ist, dass der Mensch ein so grosses und ausserordentlich intensiv durchblutetes Gehirn entwickeln konnte, das zugleich unser wärmeempfindlichstes Organ ist. Nur durch dieses Zusammenspiel können wir bei grossen körperlichen Anstrengungen ein waches Bewusstsein aufrechterhalten. Zugleich ermöglicht unsere Haut in der Berührung eine einmalige Nähe zum anderen Menschen.

Die verschiedenen Hautfarben der Menschen spiegeln unterschiedliche Sensibilitäten für Sonnenlicht wider. Die entsprechende Pigmentierung der Haut ist der natürliche Sonnenschutz für die jeweilige Erdregion, in der unsere Vorfahren gelebt haben. Durch unsere Fernreisen können wir diese Unterschiede erleben, und wir sind heute gezwungen, unser Verhältnis zur Sonne an jedem Erdenort bewusst neu zu ergreifen.

Ein neuer Blick auf die Überhitzung der Erde

In jedem Gebärsaal der westlichen Welt befolgen Spezialisten für Früh- und Neugeborene eine klare Reihenfolge, wenn sie ein Kind nach Geburt wiederbeleben müssen: Wärme, Atmung, Kreislauf, Ernährung.

Darin spiegeln sich die vier klassischen Elemente in ihrer realen physiologischen Hierarchie: Die Wärme des Organismus hat die grösste Bedeutung für seine Physiologie, dann kommt die Atmung (Sauerstoffaufnahme und Kohlensäureabgabe), dann die Kreislauffunktion und schliesslich die Zufuhr von Stoffen (z. B. Zucker, Salze).

In der aktuellen Klimakrise sind diese vier Elemente gefährdet:

  • die Wärmehülle der Erde,
  • ihre Lufthülle,
  • ihre Wasserhülle
  • und mit der Bodenfruchtbarkeit die hauchdünne, zarte Hülle des belebten Bodens der Erdoberfläche.

Die Erde ist kein Objekt, sie lebt

Auch hier ergibt sich eine klare Reihenfolge, die uns allmählich bewusst wird: Die Erderwärmung hat den durchgreifendsten Einfluss auf Natur und Mensch, dann folgt die Luftqualität und -bewegung, dann, ähnlich zentral, die Wassersphäre der Erde und, sehr stark als Folge all dessen und doch auch ganz eigenständig, die Bodenqualität. Umgekehrt beeinflusst gerade die moderne Land- und Waldwirtschaft in eminentem Masse die anderen Erdhüllen.

In den letzten Jahrhunderten haben wir seitens der Industrienationen die Erde als wesenloses, rein materielles, unserem Belieben ausgeliefertes Objekt behandelt – und nicht als lebendiges und einzigartiges Wesen, nicht als unendlich vielfältigen lebendigen Organismus. Es wird zunehmend offensichtlicher, dass die Erde ein lebendes Wesen ist, dass wir ihre Wärme, ihre Atmosphäre, ihre Wasserzirkulation und den fortwährenden Wandel ihrer festen Oberfläche nicht angemessen erfassen und partizipativ pflegen und mitentwickeln können, ohne unser inneres Verhältnis zu ihr zu verwandeln.

Wir sind überzeugt, dass die aktuelle Umweltkrise eine tiefgreifende Beziehungskrise ist. Was heute nottut, ist zuallererst ein sich wandelndes inneres Verhältnis zu Erde und Kosmos. Wir können nur pflegen, was wir lieben.

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Georg Soldner, Stellv. Leitung der Medizinischen Sektion am Goetheanum

 

1) Krutmann, J.: Hautklinik der Heinr-Heine-Univ Düsseldorf, Die Verwendung von topisch applizierten DNS-Reparaturenzymen zum Schutz der menschlichen Haut gegen UVB-induzierte Schäden, Bundesgesundheitsblatt 2001, 480 – 483

2) Martin, D.: Fever: Views in Anthroposophic Medicine and Their Scientific Validity. Evidence Based Compl. and Altern. Medicine.

3) Holmes, E.A., et al: Higher sun exposure is associated with lower risk of pediatric inflammatory bowel disease: a matched case-control study. J Pediatr Gastroenterol Nutr 69 (2), 182 – 188, 2019

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«Das Sonnenlicht bewirkt viel Gutes»

 

«Wir können nur pflegen, was wir lieben»