Das SOS der Jugend

Was bewegt die Jugend? Der Blick eines engagierten jungen Menschen auf die Phänomene der Klimabewegung.

Am Freitag, 15. März 2019, gingen weltweit 1,8 Millionen Schüler nicht zur Schule; stattdessen gingen sie auf die Strasse. Sie versuchten, Worte zu finden für das, was in ihnen lebt, was sie wahrnehmen und was sie verändern wollen: die Welt mit ihrem existenziellen Bedarf an Erneuerung. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass ein «Jugendwandel» in diesem Umfang von sich hören lässt. Ihr dringender Aufruf an die ältere Generation ist, in Anbetracht der Klimaveränderung endlich konsequent zu handeln. Viele Schüler ahnen, dass vieles nicht mehr stimmt, dass die Klimakrise nur die Spitze des Eisbergs ist, die Spitze einer notwendigen, viel tieferen gesellschaftlichen Transformation.

Wieso kommt die Jugend gerade jetzt in so grosser Zahl in Bewegung? Viele dieser jungen Menschen erfahren die physischen Folgen der Klimakrise ja nicht in ihrem täglichen Leben, sondern bekommen die abstrakte Information, dass unsere Umwelt leidet, durch Facebook, Instagram usw., Plattformen, die sie dann auch nutzen, um sich zu organisieren und zusammenzukommen. Die Empathie und moralische Qualität dieser Generation scheinen schon in einem frühen Alter zu erwachen.

Mehr Stille in einer Welt voll Hektik

Etwas sehr Erstaunliches ist aber in diesem «Jugendwandel» wahrzunehmen. Als ich eine Gruppe protestierender Schüler fragte, was sie denn vor allem wollen, sagten sie «mehr Stille». Mehr Stille in einer Welt voll zunehmender Hektik. Mehr Stille in einer Gesellschaft, wo zum Beispiel 25 % der studierenden Jugendlichen in den Niederlanden an Burn-out leiden. Mehr Stille für eine Generation, wo Angst eine tägliche Realität ist.

Wie kann es sein, dass im sogenannten zivilisierten Europa eine so grosse innere Leere entstanden ist? Dieses Phänomen kann man nicht getrennt von der Klimakrise betrachten. Nicht nur die Jugendlichen leiden an Burn-out, sondern die globalisierte (Um)Welt selbst kämpft mit Burnout- Folgen. Nicht nur auf der Ebene des Klimas, sondern auch auf wirtschaftlicher, sozialer und moralischer Ebene. In vielen Jugendprotesten taucht immer wieder das Schild «SOS» auf. «SOS – Save Our Souls», rettet unsere Seelen. Der Klimakrise liegt die existenzielle Frage zu Grunde, was es in der Gegenwart bedeutet, Mensch zu sein.

Ist die Welt voll oder leer?

Mit Blick auf unsere Geschichte sprechen manche Wissenschaftler heute von einer «vollen Welt», wo wir in früheren Zeiten in einer «leeren Welt» gelebt haben sollen. Jetzt voll von Menschen und Konsum, früher leer von Menschen und Konsum. Könnte es sein, dass wir in der Gegenwart in einer leeren Welt leben? In einer Welt, wo Jugendliche am Freitag statt zur Schule auf die Strasse gehen und ein SOS in die Welt senden?

In der Jugendsektion arbeiten wir an diesen Fragen. Wir gestalten für uns, für die junge Generation, einen offenen Raum, wo keine Ideologie, kein Duktus sagt, was zu tun ist. Es ist ein Raum, in dem wir Jungen an einem heilsamen Bild der Zukunft arbeiten und erste Samen säen können. Eine der konkreten Initiativen sind die Februartage 2020 mit dem Thema «Der Erde verpflichtet: Freiheit, Verantwortung und Schicksal in Zeiten des Klimawandels» («Bound to Earth: Freedom, Responsibility and Destiny in the Times of Climate Change»).

Eines ist klar: Die heutige junge Generation schaut den Herausforderungen voller Mut in die Augen und will immoralisches Handeln nicht mehr akzeptieren.

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Johannes Kronenberg, Jugendsektion am Goetheanum

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