Aufbauende Landwirtschaft statt Raubbau

In der Land- und Ernährungswirtschaft stehen wir vor einer epochalen Herausforderung. Es braucht ein grundlegend anderes Wirtschaften mit den natürlichen Grundlagen.

Wir sind in eine Phase eingetreten, in der sich die Risiken durch die falsche Landwirtschaft immer stärker realisieren. Die negativen Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesellschaft sind beispielsweise die erhöhten Nitratwerte im Trinkwasser durch den hohen Einsatz von Stickstoffdüngern, das Artensterben durch den Eintrag von Pestiziden und Nährstoffen und die Klimaerwärmung. Der Handlungsdruck, anders zu wirtschaften, nimmt aus Sicht der ökologischen, sozialen, wie auch geopolitischen Realsituation stetig zu.

Falsche Preise, falsche Anreize

Würden wir heute die Umweltschäden und -risiken der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelversorgung, inklusive des Handels und der Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte ökonomisch vollständig erfassen und in die Preise einkalkulieren, dann wären die Produkte, die derzeit billig am Markt zu erhalten sind, um ein Vielfaches teurer. In Wirklichkeit sind sie nur scheinbar billig, denn alle Kosten der entstandenen Schäden fliessen nicht in die Preiskalkulation ein, sondern werden der Gesellschaft und den zukünftigen Generationen aufgebürdet.

Aber alleine die Preise für die Nahrungsmittel zu erhöhen, reicht nicht aus, wir müssen eine grundsätzliche Änderung der ökonomischen Betrachtung von Betriebserfolg vollziehen. Unternehmerischer Erfolg muss sich am Massstab der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit messen lassen anstatt am ökonomischen Wachstum mit steigendem Verbrauch.

Ökologisch achtsam, ökonomisch sinnvoll

Mehr ökologischer Landbau wäre ein Anfang, denn es zeigt sich, dass die ökologisch sorgsam arbeitenden Betriebe nicht nur in Bezug auf die Umweltbelastungen die besseren Unternehmer sind, sondern auch im ökonomischen Sinn.

Durch ihre Art des Wirtschaftens vermeiden sie Verluste, Schäden und Risiken an den natürlichen Vermögensgrundlagen ihres Betriebes, weil sie die ökologischen und sozialen Faktoren in ihren Betriebsablauf internalisieren.

Sie vermeiden durch den Verzicht auf chemisch-synthetische Dünge- und Pflanzenschutzmittel, durch eine extensivere und flächengebundene Tierhaltung und durch die Förderung biologischer Artenvielfalt viele der bekannten Folgeschäden in der Landwirtschaft.

Mehraufwand gebucht, Mehrwert fehlt

Nachhaltig arbeitende Betriebe achten auch auf die regionale Herkunft von Betriebsmitteln, auf einen geschlossenen Hoforganismus, auf die Bodenfruchtbarkeit und die Verwendung von nachbaufähigen Sorten und nehmen dafür Mehrkosten in Kauf. Dieser Mehraufwand und die damit verbundenen Kosten werden in der klassischen betriebswirtschaftlichen Betrachtung nur sehr unzureichend dargestellt: in der Erfolgsrechnung ist der Mehraufwand gebucht, es fehlt jedoch die entsprechende Position für den entstandenen Mehrwert, d. h. für die Ernährungsqualität und die Umwelt. Dieser Mehrwert spiegelt sich leider auch nur ungenügend im Preis der Produkte wider.

Nach uns die Zukunft – aber welche?

Um dieses Problem zu lösen, müssen auch diejenigen Kostenfaktoren und Leistungen finanzbuchhalterisch und bilanziell erfasst werden, die bisher von der Betriebswirtschaft übergangen und auf die Gemeinschaft und zukünftige Generationen abgewälzt werden. Dazu müssen sie benannt, bewertet und schliesslich monetarisiert werden. Das bedeutet: Nachhaltig wirtschaftenden Betrieben müssen die Leistungen positiv zugeschrieben und schadensverursachenden Betrieben ihre Risiken angelastet werden.

Bislang werden bei den Aktiva-Positionen in der Bilanz die natürlichen Ressourcen des Produktionsstandortes, wie die Fruchtbarkeit der Böden oder die Reproduktionsfähigkeit der Nutzpflanzensorten in keiner Weise berücksichtigt, obwohl sie die Grundlage und das Kapital des Wirtschaftens eines landwirtschaftlichen Betriebes sind. Wenn ein Betrieb zur Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit gezielt Massnahmen ergreift, werden die dafür entstehenden Kosten zwar verbucht, der dadurch entstandene Mehrwert für den Boden wird jedoch nirgends gutgeschrieben.

Aber nicht nur die Landwirtschaft muss nun schnellstens Verantwortung für ein aufbauendes und klimaverträgliches Wirtschaften übernehmen, auch der Handel und die Konsumenten stehen in der Pflicht.

Wirkungsnachweis statt schöner Bilder

Solange der günstige Preis der wichtigste Faktor ist, ohne zu wissen, wie er zustandekam, gelingt die Wende nicht. Die Frage muss vielmehr lauten: Wie wurde das Produkt hergestellt und welche Wirkung auf die Umwelt und die Gesellschaft geht von ihm aus? Die Handelsunternehmen müssen diese Effekte ehrlich und objektiv offenlegen und kommunizieren, anstatt mit schönen Bildern eine verführerische Scheinwelt zu erzeugen.

Um die Klimaziele zu erreichen, geht Ignorieren nicht mehr. Der zentrale Dreh- und Angelpunkt ist die Art des Wirtschaftens im Praktischen wie auch in der Theorie. Das Postulat des ewigen Wachstums muss dem Haushalten mit den verfügbaren Ressourcen weichen. Die ökonomische Rechnung muss stimmen, sonst wird der Preis am Ende für jeden und alles unbezahlbar hoch.

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Christian Hiss, Regionalwert AG Freiburg

 

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«Ökologische und soziale Nachhaltigkeit bedeutet Mehrwert»