Das Klima braucht jetzt unseren Wandel

Vor fast 50 Jahren warnte mit der US-amerikanischen National Academy of Sciences erstmals eine grosse Wissenschaftsorganisation vor der drohenden globalen Erwärmung der Erde.1 Heute ist sie Realität. Was können wir tun?

Die Idylle trügt: Das natürliche Gleichgewicht ist in existenzieller Weise bedroht.

Das expansive und egomane Wirtschaftswachstum, insbesondere der «führenden» Industrienationen, deren rücksichtlos konsumorientierter «Lebensstandard» auch den Energiebedarf drastisch ansteigen liess, bedroht das natürliche Gleichgewicht, so wurde bereits vor 50 Jahren konstatiert.

Höchst alarmierend

Die vorausgesagte globale Erwärmung, die mit dem CO2-Anstieg quantitativ korreliert, ist inzwischen manifest geworden, und nahezu alle vorliegenden wissenschaftlichen Daten sind höchst alarmierend.

Forschungsergebnisse zeigen, dass die CO2-Konzentration von aktuell ca. 410 ppm seit 800000 Jahren (!) nicht einmal entfernt erreicht worden ist – der typische Wert für «Warmzeiten» der Erde lag vielmehr bei 280 ppm und stieg erst im Zusammenhang der Industrialisierung seit 1850 an.

«Wir verursachen derzeit also Bedingungen, mit denen der Mensch noch nie zu tun hatte, seit er den aufrechten Gang gelernt hat», schreiben die Professoren Rahmstorf und Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.2 Die jedes Jahr verbrannte Menge fossiler Brennstoff e entspreche etwa dem, «was sich zur Zeit der Entstehung der Lagerstätten von Öl und Kohle in rund einer Million Jahre gebildet hat.»

Abgeholzte Wälder und Permafrostbodenschmelze

Darüber hinaus erhöht das Abholzen von Wäldern die Treibhausbelastung der Atmosphäre – und die begonnene Schmelze der Permafrostböden droht durch die damit verbundene Methanfreisetzung den fatalen Prozess in Kürze weiter und ins Unumkehrbare zu steigern.

Die Phänomene sprechen schon jetzt für sich. Gletscher gehen zurück, ebenso das polare Meereis; das Grönlandeis schmilzt, die Permafrostböden beginnen aufzutauen, der Meeresspiegel steigt, die Meeresströmungen verändern sich, Wetterextreme nehmen dramatisch zu (mit Hitzewellen und Dürren, mit Starkregen und tropischen Wirbelstürmen) und auch das Massensterben von Tier- und Pflanzenarten durch die Destabilisierung des Ökosystems hat längst begonnen. Eine versorgende Landwirtschaft ist in weiten Teilen der Erde (insbesondere in Afrika und Asien) bereits heute nicht mehr möglich – die von den Industrienationen verursachten Schäden treffen die Ärmsten der Armen.

Vor 50 Jahren schon davor gewarnt, heute ist sie Realität: die globale Erwärmung der Erde.

Jährlich 150 000 Tote

2002 zeigte eine WHO-Studie auf, dass der (damals noch vergleichsweise moderate) Klimawandel jährlich mindestens 150 000 Menschen das Leben kostet, und dies namentlich in Entwicklungsländern – durch Herz-Kreislauf-Krankheiten, Durchfall, grassierende Infektionen und Hunger. Aber selbst in Europa starben im heissen Sommer 2003 rund 70 000 Menschen infolge der nach Versicherungsangaben grössten mitteleuropäischen «Naturkatastrophe» seit Menschengedenken.

«In Paris waren die Leichenhäuser derart überfüllt, dass die Stadt gekühlte Zelte am Stadtrand aufstellen musste, um die vielen Särge mit Opfern unterzubringen.»3 Nach Voraussagen der Klimaforscher ist all dies jedoch nur der allererste Anfang, sofern es nicht in kürzester Zeit gelingt, zumindest die Treibhausemissionen massiv zu senken.

Der letzte Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), einer vorbildlichen Wissenschaftlerorganisation, die 2007 den Friedensnobelpreis erhielt, geht von einer zu erwartenden globalen Erderwärmung bis zu 6 Grad bis 2100 aus – mit Folgetemperaturen, wie sie es seit mehreren Jahrmillionen nicht auf Erden gegeben hat. Dabei nimmt die Leuchtkraft der Sonne seit Mitte des 20. Jahrhunderts ab; wäre dies nicht der Falle, so würden sich die atmosphärischen Treibhausschädigungen noch viel stärker auswirken.

Gezielte Irreführung

All diese und viele weitere Fakten und Zusammenhänge sind über lange Zeit kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Neben der Verdrängung unangenehmer Wahrheiten, die den eigenen Lebensstil und das eigene Wertesystem massiv in Frage stellen, spielte dabei eine gezielt gesteuerte, gegenläufige Berichterstattung im Dienst des Systemerhalts eine entscheidende Rolle.

Einer sozialwissenschaftlichen Studie des Jahres 2013 zufolge, wurden allein in den USA in den Jahren 2003 bis 2010 mehr als 7 Milliarden Dollar – insbesondere durch die fossile Energiewirtschaft bzw. ihre Konzerne – an Organisationen von selbsternannten «Experten» abgeführt, die mediale Kampagnen zur Deformation und Leugnung klimatologischer Erkenntnisse initiierten und erfolgreich durchführten.4 Die Öffentlichkeit wurde systematisch getäuscht: Die globale Erwärmung sei «wissenschaftlich» umstritten, und – falls doch vorhanden – unklarer Ursache und vorübergehender Natur; es habe sie im «Haushalt der Natur» immer gegeben.

Die «Externalisierungsgesellschaft» (Lessenich) soll ungestört funktionieren, die Schäden der Industriegesellschaft auf die Entwicklungsländer verteilt werden, das Geschäft weitergehen und die «Zitadellen der Mächtigen und Reichen» gesichert werden – gegen Flüchtlinge und Opponenten aller Art.5 Zwar wurden internationale Klimaschutzabkommen (zuletzt in Paris) vereinbart, aber in ihrer Umsetzung verzögert und behindert. Von der «höchsten Dringlichkeitsstufe», von der die Wissenschaftler sprechen, kam lange Zeit wenig in den Medien und bei den Menschen an.

Auf einen Schlag ganz oben in der Wahrnehmung

Die öffentliche Wahrnehmung begann sich vor einem Jahr langsam, dann jedoch sprunghaft zu wandeln, als die fünfzehneinhalbjährige Greta Thunberg freitags nicht mehr zur Schule ging, sondern sich auf die Mitte des Stockholmer Mynttorget setzte, zwischen dem schwedischen Parlament und dem Schloss, und wegen der Missachtung des Pariser Klimaschutzabkommens ihren «Skolstrejk för Klimatet» begann, Flugblätter mit Fakten verteilte und per Twitter und Instagram ihrem Anliegen in den sozialen Medien Gehör verschaffte.

Sie initiierte Schülerstreiks, die sich nach kurzer Zeit international ausweiteten, und war plötzlich an vielen Orten präsent – klein und nahezu kindlich wirkend, aber doch unbeirrt sicher und ruhig auftretend, klar und konzentriert sprechend, auch auf grosser Bühne, so bei der UN-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz (Dezember 2018), beim Weltwirtschaftsforum im Januar 2019 in Davos, und bald darauf in Brüssel vor dem europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss.

Mutig, überzeugt und überzeugend

«Wir sind dabei, unsere Zivilisation zu opfern, damit einige wenige die Möglichkeit haben, weiter enorme Mengen Geld zu verdienen. Wir sind dabei, die Biosphäre zu opfern, damit reiche Leute in Ländern wie meinem in Luxus leben können. […] Wir sind nicht hergekommen, um die Regierungschefs der Welt zu bitten, dass sie sich kümmern. Sie haben uns in der Vergangenheit ignoriert und werden uns wieder ignorieren. Ihnen gehen die Entschuldigungen aus, und uns geht die Zeit aus. Wir sind hergekommen, um Sie wissen zu lassen, dass der Wandel kommt, ob Ihnen das gefällt oder nicht. Die wahre Macht gehört den Menschen.»6

Greta Thunberg gelang es in kurzer Zeit, nahezu eine komplette Schülergeneration für das Thema zu sensibilisieren, sowie viele weitere Altersgruppen. Sie wurde zu einem medialen Star, zog Bewunderung, aber auch Hass und Verleumdung auf sich, wurde von Reportern begleitet und verfolgt. Sie nutzte deren Präsenz jedoch konsequent für die Bewusstmachung des Problems und den notwendigen Wandel der Industriegesellschaft, ihrer Denkvoraussetzungen und Lebenshaltungen.

Nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Politiker an Thunbergs Seite wirkten betroffen, von ihr und dem wachsenden Druck der Proteste. Plötzlich gab es öffentliche Debatten über die schnell ablaufende Zeit, die noch zur Stabilisierung des Ökosystems bleibt, es gab Klimagipfel und «Klimakabinette».

Neue Wirtschaft und Lebensweise gefordert

Das ungewöhnliche Mädchen aus Schweden aber spricht nicht nur von CO2-Emissionen, sondern von der unbedingten Notwendigkeit einer «neuen Wirtschaft» und Lebenshaltung.

In Brüssel sagte sie, anstelle von Macht und Konkurrenz müsse Assoziation und Kooperation treten, in einem anderen Gesellschaftsmodell der Zukunft, für das es Vorbilder gebe.

Gerade im Bereich klimawirksamer Initiativen existieren in der Tat überzeugende Beispiele «völlig neuer Denkweisen» und eines anderen Wirtschaftsverhaltens in ökologischer und sozialer Diktion. Während die Nationalstaaten trotz der Klima-Deklarationen von Kyoto bis Paris bisher weitgehend unbeweglich, unwillig und unfähig zur Veränderung erscheinen, entwickelten sich vorbildliche lokale Initiativen, aber auch Kooperationen und Netzwerke, «Pioniere der Nachhaltigkeit», «First Movers».

Seit 1920 Pioniere der Nachhaltigkeit

Auch das Goetheanum und seine Freie Hochschule für Geisteswissenschaft sind in dieser Ausrichtung tätig – seit ihrer Eröffnung im Herbst 1920. Rudolf Steiner stellte die Goetheanum-Gründung von Anfang an in die «Not der Zeit» und versuchte, auf der Grundlage eines geisteswissenschaftlich vertieften Menschen- und Weltverständnisses, Perspektiven und konkrete Initiativen für ein humanes und ökologisches Arbeiten in verschiedenen Gebieten der Zivilisation aufzuzeigen und zu fördern.7

Diese methodischen Ansätze haben sich in den letzten hundert Jahren, trotz massiven Gegenkampagnen, von der Schweiz aus weltweit verbreitet und als weiterführend erwiesen, in der Pädagogik und Medizin, der Naturwissenschaft und Landwirtschaft, der Ökonomie und dem sozialen Leben. Das Goetheanum und seine Freie Hochschule für Geisteswissenschaft wurden als Lehr-, Forschungs- und Praxiszentrum eines anderen Umgangs mit der Erde und der Schöpfung konzipiert, in einem anderen Bewusstsein, nämlich aus Einsicht in das Menschenwesen und seine komplexen Daseinsbedingungen auf Erden, in seine inneren und äusseren Bezüge und Verantwortungen.

Chance für einen neuen Aufbruch

Die Klimaforscher verfügen über Szenarien einer noch möglichen Stabilisierung der Lage durch eine «Nachhaltigkeitsrevolution», die einen veränderten Lebensstil und eine «Ökonomie der Brüderlichkeit» umfasst, andere Formen der Energiewirtschaft und Ernährung, des Landbaus und der Tierhaltung im Geist einer sozialen Erneuerung. Sie sehen die «Chance für einen neuen Aufbruch»8 in einem veränderten Bewusstsein für das Ganze, der jedoch sehr rasch geschehen muss. Die «Pioniere der Nachhaltigkeit» sollten alle nur denkbare Unterstützung erhalten.

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Prof. Dr med. Peter Selg, Ita Wegman Institut für anthroposophische Grundlagenforschung (Arlesheim, CH)

 

1) Für die folgenden Zusammenhänge vgl. insbesondere Rahmstorf, S., Schellnhuber, H. J.: Der Klimawandel. München 8 2018

2) Ebd., S. 33

3) Ebd., S. 69

4) Brulle, R. J.: Institutionalizing delay: foundation funding and the creation of U.S. climate change counter-movement organisations. Climatic Change 122, 2013, S. 681–694.

Vgl. hierzu auch: Oreskes, N., Conway, E. M.: Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens. Weinheim 2014

5) Vgl. Lessenich, S.: Nach uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihre Praxis. Berlin 2016

6) Thunberg, G.: Ich will, dass ihr in Panik geratet. Meine Reden zum Klimaschutz. Frankfurt a. M. 3 2019, S. 39

7) Vgl. Selg, P.: Rudolf Steiner 1861–1925. Lebens- und Werkgeschichte. 7 Bände. Arlesheim 2 2017

8) Rahmstorf, S., Schellnhuber, H. J.: Der Klimawandel, S. 132

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Wir können handeln

Die Geschichte des Kolibris: Eines Tages brach im Wald ein grosses Feuer aus, das drohte, alles zu vernichten. Die Tiere des Waldes rannten hinaus und starrten wie gelähmt auf die brennenden Bäume, ihr Zuhause.

Nur ein kleiner Kolibri sagte sich: «Ich muss etwas gegen das Feuer unternehmen.» Er flog zum nächsten Fluss, nahm einen Tropfen Wasser in seinen Schnabel und liess den Tropfen über dem Feuer fallen. Dann flog er zurück, nahm den nächsten Tropfen und so fort.

Die anderen Tiere standen hilflos vor der Feuerwand. Und sie sagten zum Kolibri: «Was denkst du, das du tun kannst? Das Feuer ist zu gross. Deine Flügel sind zu klein und dein Schnabel ist so schmal, dass du jeweils nur einen Tropfen Wasser mitnehmen kannst.»

Aber als sie weiter versuchten, ihn zu entmutigen, drehte er sich um und erklärte ihnen, ohne Zeit zu verlieren: «Ich tue das, was ich kann.»

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